Nachdem wir das Flicken des Segels zum Glück auslassen durften, dachte ich, es könnte los gehen. Weit gefehlt: Sicherheitseinweisung. Der Vortrag dauerte weit über eine Stunde, aber ihr bekommt die Kurzfassung. Ohne feste Schuhwerk laufen = Zehenbruch. Tau laufen lassen = Sehne durch. Alles weitere führte eigentlich unweigerlich entweder zum Sinken des Schiffs oder zum sofortigen Tod. Isch so! Laut Versicherung seien der Hafen, das Dinghy (Beiboot) und Feuer an Board die gefährlichsten Orte/Momente an Board. Gut, dass er uns erst einmal im Hafen festhielt.
Unser Skipper war halt ein Fan sehr ausführlicher Vorbereitung und ausschweifender Antworten. Eine einfache Frage wie "wer hat Vorfahrt?" wurden in der Regel etwa so beantwortet. "Also wenn gerade Ramadan ist, der Jupiter im Haus der Venus steht, die FDP den Bundeskanzler stellt und man einen schönen Tidenhub von etwa 20 Zentimeter hat (that's what she said), dann haben wir Vorfahrt. Sollte allerdings im chinesischen Kalender das Jahr des Drachen sein und Claudia Roth ist zum ersten mal in ihrem Leben gut gekleidet, dann haben wir nur Vorfahrt, wenn... *30 Minuten später* ... aber vor 15 Minuten, als uns das Boot beinahe gerammt hätte, hatten die Vorfahrt. Da hättest du ausweichen müssen."
Unser Skipper war ein Widerspruch in sich. Während er uns ausführlich erklärte, dass das Gas immer erst an der Flasche abgestellt werden muss, damit die Leitungen leer sind (Stichwort Feuer an Board), war er der erste, der es nicht machte. Er erklärte uns auch, das all die Elektronik an Board "Micky Maus" sei und nur für testoterongesteuerte Männer da ist, die Geld loswerden wollen. Er war aber dann der erste, der Panik bekam, wenn das GPS-Signal weg war. Ihm ist auch 2-3 Tage lang nicht aufgefallen, dass der Tiefenmesser auf Fuß und nicht auf Meter stand und behauptete dann, der Turner hätte das mit seinem Knie verstellt. Da wir trotz Anleitung etwa 10 Minuten brauchten, um es umzustellen, war das entweder Seemannsgarn oder der Turner hat ein verdammt geschicktes Knie.
Zurück zum Segeln. Wir fuhren also endlich aus dem Hafen raus und hatten vielleicht schon 2-3 Wenden geübt, als unser Skipper erst mal unter Deck ging. So stand ich am Ruder. Irgendwann kam er dann wieder hoch und schaute uns erwartungsvoll an. Was keiner (oder zumindest ich nicht) bemerkt hatte, war, dass er einen grünen Luftballon ins Wasser geworfen hatte. Das sollte ein Mann sein. Er wollte also mit 9 Leuten, die zum großen Teil noch nie gesegelt hatten, ein Mann-über-Board-Manöver üben. Sehen wir mal von der Tatsache ab, dass er "Mann über Board" hätte rufen müssen, wenn er es als erster bemerkt... von uns kam natürlich erst einmal nichts. Also fing er an rumzuschreien, dass wir etwas machen sollten. Ich fragten ihn noch, ob ich jetzt ohne einen Segelschein zu besitzen mit einer unerfahren Crew durch die ganzen Yachten kreuzen sollte, die da noch rumfuhren... und ich glaube ab dem Punkten mochten wir uns schon nicht mehr so. Mag daran gelegen haben, dass diese Frage den Unternton hatte, ob er denn einen am Sträussche hätte.
Ich verstehe bis jetzt nicht, wie jemand, der uns Taue werfen üben lässt, ehe wir an Board dürfen, meint, dass eine Crew ohne jegliche Vorbereitung und Erfahrung einen Ballon aus dem Mittelmeer fischen kann. Seine Erklärung "nach deutschen Recht muss er das Manöver vor dem Auslaufen üben". Isch so! Am deutschen Wesen soll die Welt genesen! Ich glaube aber nicht, dass das Gesetzt verbietet zu sagen "wir machen jetzt ein Mann-über-Board-Manöver und das geht so..." oder dass er es selbst macht. Wäre eventuell wichtiger als Taue werfen. Wobei - hätte der Ballon fangen können, hätten wir ihm sicher super ein Tau zuwerfen können.
Während man also im Yachthafen von Mallorca zur Mittagszeit auch ohne jegliche Übung rumkreuzen kann, da die anderen Boote ja sicher ausweichen, ist Ankern schon eine schwierigere Aktion. Die ganzen fest liegenden Boote, da könnte sich ja eventuell eines bewegen. Deswegen sah unser Ankermanöver auch so aus, dass wir erst in die Bucht reinfuhren, einmal durch alle Boote durch und dann wieder raus. Außerhalb der Bucht gab es dann eine 15-30minütige Lagebesprechung. Inhalt: Wir fahren da jetzt wieder rein, ich sage euch wann ihr den Ankern werfen sollt und wie viele Meter Kette wir brauchen. Das hätte man wohl nicht direkt machen können. Ich glaube es wundert keinen, wenn ich sage, dass die besten Plätze immer schon weg waren, ehe wir wirklich mal anfingen zu ankern.
Gute Plätze zu finden, ist in der Hauptsaison um Mallorca herum aber auch wirklich schwierig. Deswegen fand es unser Skipper auch unmöglich, dass da nur so ein billiges Werbeheftchen an Board war, das nur die Häfen beschreibt, die auch gezahlt haben. Komisches Konzept. Etwas ist umsonst und nicht besser, als etwas Zahlungspflichtiges? So kann Marktwirtschaft doch nicht funktionieren. Mit seinen 44 Jahren auf See ist er aber noch nicht auf die Idee gekommen, selbst etwas mitzubringen oder sich vorzubereiten. Ich glaube, ich kann mit gutem Gewissen sagen, dass wir ihm auch den Segelführer aus der Boardkasse bezahlt hätten, nachdem wir eh schon seine Handyrechnung bezahlen mussten, ohne sie jemals gesehen zu haben. Erwähnte ich schon, dass mir dieses Geschäftsmodell gefällt?
Wir sind bei dem ganzen Stress aber auch wirklich streckenweise gesegelt. Dafür hatten wir teils auch hervorragende Bedingungen mit viel Sonne und gutem Wind, einmal sogar Windstärke 5. Was heißt Windstärke 5? Das heißt, dass ich erst unter Deck geschickt werde, um mir ein T-Shirt anzuziehen, da einem ja sonst durchs Spritzwasser kalt wird. Als er merkte, dass ein nasses T-Shirt jetzt auch nicht warm hält, musste ich also noch einmal runter und mir eine Regenjacke anziehen. Weil es so viel Spaß machte, gab es dann auch gleich noch einen Schwimmwestenpflicht. Und wofür das ganze? Als ich endlich so angezogen war, wie es der Skipper wollte, haben wir uns entschieden umzukehren, weil es zu windig ist. An dieser Stelle: Die Umkehrentscheidung kann ich voll und ganz verstehen, da nicht nur Kerstin "die Pütz" seekrank wurde sondern auch manch andere nicht mehr ganz so breit grinste. Es gab aber nur zwei Eimer an Board.
Als wir dann bei strahlendem Sonnenschein und 30 Grad mit Regenjacken und Schwimmwesten in die Bucht eingelaufen sind, konnte man auf denn anderen Booten schon ein gewisses Grinsen sehen. Ich hätte es auch nicht unterdrücken können, wenn ich uns gesehen hätte.
Ansonsten war das Segeln aber eher ruhig. So ruhig, dass Jürgen auch gerne mal so weit vom Kurs abkam, dass wir direkt im Wind standen und nur durch eine 360°-Drehung wieder voran kamen. Steff hielt das wohl wegen der vielen Wiederholungen durch Jürgen für ein echtes Manöver, weswegen sie es dann auch gleich ausprobierte.
Am letzten Tag habe ich mir dann noch etwas sportlicheres Segeln gewünscht und darum gebeten, dass wir Halsen. Man kann sich das ungefähr so vorstellen: Wenn Wenden beim Autofahren das Rechtsabbiegen ist, dann ist Halsen Linksabbiegen (mal ganz grob... eigentlich geht es um den Wind). So wie das Linksabbiegen durch den eventuellen Gegenverkehr etwas gefährlicher ist, als das Rechtsabbiegen (ok, die meisten Unfälle passieren beim Linksabbiegen), so ist Halsen auch etwas komplizierter als Wenden. Johannes hat daraus aber rückwärts Einparken mit verbundenen Augen vor einem Kindergarten gemacht. Er erklärte uns 30 Minuten, was denn jetzt alles schief gehen kann und wie er und sein Vater dabei schon einen Mast verloren haben (das heißt dann Patenthalse). Gleich darauf folgte dann aber wieder ein echter Johannes. Anstatt wie üblich zu rufen "alles fertig zur Halse" fing er einfach schon mal damit an, obwohl noch überhaupt niemand damit gerechnet hat... nur um dann wieder zu schreien, dass das Segel viel zu langsam dicht geholt wird. So kann man schon mal einen Mast verlieren... war bei unserem Wind aber quasi unmöglich.
Mein Highlight bleibt aber das Anlegemanöver am letzten Tag. Ach, was sag ich, die Manöver. Schon bei der Tankstelle fragte mich der Tankwart, ob unser Skipper einen am Sträusschen hat, weil ihm zwei Tau nicht reichten. Außerdem durften wir die Taue nicht übergeben, so lange unser Skipper es uns nicht erlaubt hatte. So fährt man dann 50 Zentimeter an einem erfahrenen Hafenmitarbeiter vorbei, der nach dem Tau fragt und man gibt es ihm nicht, weil man auf seinen Skipper wartet, der noch dabei ist, den restlichen Schiffen zu erklären, wie sie seiner Meinung nach zu fahren hätten. Beim "Ausparken" fuhr er dann rückwärts (Zitat: "Das Manöver kennt sonst keiner"), obwohl hinter uns ein Schiff fest vertaut und vorne alles frei war. Deshalb schrie er dann ebenfalls das Schiff hinter uns an es solle doch mal weiter nach hinten fahren. Auch die verstanden die Welt nicht mehr.
Als wir dann am Ende des Tages an unseren Steg ankamen, legte Johannes ein so spezielles Manöver hin, dass wir uns mit dem Kiel in der Ankerleine (eigentlich Moorig-Leine) eines anderen Schiffs verfangen haben. Während Michael und ich uns mit aller Kraft von den anderen Schiffen wegdrückten, brüllte er dann die Ukrainer an, deren Leine wir erwischt hatten: "Tirar." Es ist ja schön, wenn man sich versucht, in der Landessprache zu verständigen, aber der arme Ukrainer sprach nun mal kein Spanisch. Für solche Fälle hatte unser Skipper aber immer eine gute Lösung; er schrie noch lauter. Ich hatte auch mal das Vergnügen, da ich nicht wusste, was ein Turmkegel ist. Die Erklärung: "NA DER TURMKEGEL!"
Zurück zum Anlegen. Nachdem ich für den Ukrainer übersetzt hatte, dass er doch bitte die Leine fallen lassen solle, kam noch ein Dinghy, das gegen uns fuhr, um uns zu drehen, da wir ja manövrierunfähig waren und es kam auch jemand an Board, der das Steuer übernahm. Und siehe da; man konnte ohne Probleme und auch ohne jegliches Geschreie festmachen. Ohne, dass uns der neue Skipper lange erklärt hätte, was wir machen müssen oder was alles schief gehen kann. Das hatten wir ja schon gesehen.
Der Tunrer unterhielt sich mit Johannes dann auch über seine verschiedenen (sic!) Havarien und irgendwie kam raus, dass er nie Schuld war, weil er als zuständiger Kapitän immer unter Deck war. Vielleicht erkennt er ja irgendwann ein Muster? Bei solchen Angelegenheiten war er aber immer sehr - ich zitiere - pragmatisch. Die Crew musste den Schaden zahlen und dann war für ihn alles in Ordnung. So klingt ein verantwortungsvoller Manager. Wir sind am Ende auch zur Erkenntnis gekommen, dass Johannes von der Versicherung keine allgemeine Auswertung über die größten Gefahren auf See bekommen hat sondern wahrscheinlich einfach nur eine Auflistung seiner bisherigen Vorfälle.
Neben Segeln und Ankerbier ist das wichtigste in so einem Urlaub aber, schöne Buchten zu finden, wie zum Beispiel diese hier. Das im Bild vorderste Boot müsste unseres sein. So von Weitem sehen die ja immer zum Reinspringen aus aber leider sind im Mittelmeer angeblich Abwassertanks keine Pflicht. Das heißt, das alles, was so von Board geht, dann auch direkt im Badewasser landet. Den Gedanken fand ich schon für sich nicht gut, wenn einem dann aber auch noch der Plastikmüll (welcher Depp hat denn hier einen grünen Ballon ins Wasser geworfen?) und sonstiger Unrat entgegenschwimmt (Kaffeebecher, wer braucht den hier einen Kaffeebecher?), dann braucht man wirklich das bereits angesprochene Schwimmbier, um da beherzt reinzuspringen. (Hier mit unnachahmlicher Eleganz vom Turner vorgeführt.)
Auch wenn das Bier auf die Blase drückt, ob Boardtoilette oder direkt ins Wasser ist dann auch schon egal. Das Wasser war übrigens erstaunlich warm. An dieser Stelle sollte ich vielleicht noch erwähnen, dass unser Skipper auch das Wasser, das sich mittig im Boot gesammelt hat. probierte, um festzustellen, ob es Salz-, Frischwasser, Diesel oder Urin ist. Sicherheitstechnisch kann ich das nachvollziehen, aber zwei Sachen konnte man geruchstechnisch ausschließen und einmal testen sollte reichen. Außer man genießt es.
Wenn wir aber schon bei mangelnder Boardausstattung sind. Ja, ich bin verwöhnt und von mir aus auch zu anspruchsvoll, aber es gab nicht einmal Ventilatoren unter Deck. Wenn man sich dann mit so einem heißen Kerl (ich beziehe mich hier ganz alleine auf die Körpertemperatur) neben dem Motorraum bei etwa 30 Zentimeter Freiraum bis zur Decke hinlegt, die Außentemperatur noch weit über 20 Grad liegt bei einer gefühlten Luftfeuchtigkeit von 200% und einfach kein Lüftchen geht, dann wird aus der Koje auch schnell eine Badewanne. Gut, was man ausschwitzt muss danach nicht mehr ins Meer, aber es war einfach verdammt schwer einzuschlafen. Wodurch sich dann an Land auch ein gewisser Schlafmangel bemerkbar machte, dazu aber mehr im nächsten Eintrag.
Wenn man das so liest, klingt es fast, als ob wir keinen Spaß hatten. Den hatten wir aber definitiv! Ich kann Segeln nur jedem ernsthaft empfehlen, ich würde nur einen anderen Skipper nehmen.

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